ÖKUMENISCHE ARBEITSGRUPPE WIEN                                                                                                                                  30. November 2005

 

Presseaussendung:

Vatikanisches Schreiben über die Zulassung von Homosexuellen zum Priestertum –

eine Selbstlüge

 

Der Verein „Homosexualität und Glaube“ ist einmal mehr bestürzt über die neuesten Aussagen des Heiligen Stuhls. Die Priester, Ordensleute und Priesteramtskandidaten in unserem Kreis reagieren mit Betroffenheit, Wut - oder Gleichgültigkeit. In ihrem Namen erheben wir aufs Schärfste Protest.

 

Es ist einsichtig, dass

1.       die kirchlichen Autoritäten den Zölibat einfordern, solange er besteht.

2.       das kirchliche Enthaltsamkeitsgebot für homosexuelle Gläubige auch für Kleriker formuliert wird.

 

Die Kirche belügt sich dabei aber in mehrfacher Weise selbst:

1.       Der Anteil von Homosexuellen unter den Klerikern ist überdurchschnittlich hoch. Nach Schätzungen von Priestern und Ordensleuten aus unserem eigenen Kreis und fremden Schätzungen ist ca. jeder dritte Kleriker homosexuell orientiert. Wohl deswegen, weil der Klerikerstand als reine Männergesellschaft für Homosexuelle anziehend ist und sich homosexuelle Veranlagung gut hinter dem Zölibat verstecken lässt. Dass in Wahrheit so viele betroffen sind, wird konsequent verschwiegen. Bei einem Ausschluss dieser Gruppe droht die Selbstauflösung der Kirche.

2.       Rom greift rückwirkend viele wertvolle homosexuell empfindende Seelsorger an, haben sie doch seit Jahrhunderten maßgeblich zum Wohle der Kirche beigetragen. Sie hätten nach den neuen Richtlinien aber nie Priester, Mönche, Päpste etc. werden dürfen.

3.       Die kirchliche Autorität schwingt sich moralisch hoch auf – und begibt sich auf niedrigstes Niveau: die ewige Verwechslung Homosexualität – Pädophilie. Homosexuelle sind für Kinder und Jugendliche in den Augen des Vatikans wohl gefährlicher als Heterosexuelle. Wann wird dieser Blödsinn endlich auch in der röm.-kath. Kirche als solcher erkannt?

4.       Fördert der Zölibat ganz allgemein die erotische Verkümmerung von Klerikern, so kommt für Homosexuelle zum Zölibat und zur Verheimlichung der eigenen sexuellen Orientierung nun noch eine weitere Belastung hinzu: die Notlüge. Wer homosexuell ist und Diakon und Priester werden will, wird sie ab jetzt wohl in Kauf nehmen müssen. Nicht zu erwarten ist offener Widerstand. Die vielen homosexuellen Kleriker sind leider großteils nicht ausreichend reflektiert und schon gar nicht organisiert um Protest einzulegen.

 

Zum Vorwurf, dass homosexuelle Kleriker nicht zu „korrekten“ Beziehungen fähig seien:

Dies trifft wohl in besonderer Weise auf jene Menschen zu, die ihre ureigenen Gefühle verdrängen, abwürgen, die ihre sexuelle Veranlagung nicht integrieren können, die sie vielfach in Selbsthass und Homophobie umwandeln. Wer aber zu sich selbst stehen lernt, kann vielleicht auch als zölibatär lebender Mensch in zärtlicher Weise der Welt begegnen und reife menschliche Beziehungen leben, wie es für Seelsorger wohl unerlässlich ist.

 

Wer in der röm.-kath. Kirche seine Heimat sieht, wird zwar wieder einmal in seiner Liebe zu ihr geprüft – im Blick auf die lange Geschichte dieser Institution die Relevanz des nunmehrigen vatikanischen Dokumentes aber historisch richtig einzustufen wissen. Als tröstlich darf auch vermerkt werden, dass sich sehr viele katholische ChristInnen nicht wie der Vatikan vor homosexuellen Menschen fürchten, vielmehr ihre spezielle Liebesbegabung als wunderbare Schöpfungsgabe anerkennen und sich solidarisch für sie einsetzen.

 

Der Papst dagegen mutet homosexuellen Menschen zu ihr „Kreuz“ in Ergebenheit und Demut zu tragen. Dabei ist er es, der es ihnen auflegt.

 

Für die HUG-Wien: Christoph Hubatsch, Johannes D. Langer